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MINIPRENEURE: Chance für Arbeitslose oder die wunderbare Geldvermehrung der Erfinder?

Posted in Arbeitswelt, Deutschland, Gesellschaft by Ramona on 24. März 2010

Um diesen Artikel besser zu verstehen sollte man sich die Werbebroschüre (PDF) von MINIPRENEURE herunter laden.

Nachdem Peter Hartz sein neues Projekt vorgestellt hat, es Lob und Kritik dafür gab, verdient es einen näheren Blick darauf. Was ist hier geplant? Was soll erreicht werden? Was ist offensichtlich und was hat ein Arbeitsloser davon? Auffallend ist bereits die optische Gestaltung der Veröffentlichung. Obwohl das Dokument von einer wenn auch gemeinnützigen GmbH herausgegeben wurde, lehnt sich das Layout und Erscheinungsbild auffällig stark an offizielle Dokumente von Bund und Ländern an. – Ein Schelm, wer dabei Böses denkt oder Hintergedanken dabei hat.

Aber zum Inhalt. Beim Lesen des Dokumentes fallen einige Besonderheiten auf, die kurz zitiert werden sollen, um danach etwas Licht auf die Techniken des Konzeptes und das Konzept selbst zu werfen. Bereits auf Seite 7 in der Kurzfassung der Projektbeschreibung findet sich folgende Aussage: “… um eine möglichst große Zahl von Langzeitarbeitslosen zu ermuntern und zu befähigen, ihr Leben als arbeitsfähige und leistungsbereite Mitbürger wieder aktiv und mit berechtigten Hoffnungen in die Hand zu nehmen, beginnend in ihrem unmittelbaren Lebensbereich, und wieder den Weg in eine dauerhafte Erwerbstätigkeit zu finden.”

Schon an dieser Stelle werden Langzeitarbeitslose in einer Form dargestellt, die sie selbst, ihren Unwillen und ihre eigene Unfähigkeit als ursächlich verantwortlich für die Arbeitslosigkeit macht. Auch wenn die Langzeitarbeitslosen als „Experten in eigener Sache” bezeichnet werden, ändert das nichts am Bild, das Peter Hatz und seine “Fachleute” von den Betroffenen zu haben scheinen.

Seite 11
“Zwei Fragen sind von besonderer Bedeutung: Was macht Langzeitarbeitslosigkeit mit den Menschen? Und: Was ist zu tun, dass sie aus dieser Lage wieder herausfinden wollen und können?”

Auch hier wieder: Langzeitarbeitslose wollen es gar nicht anders. Auf der gleichen Seite kann man unter der Überschrift “Den Lebensplan neu entwerfen” folgendes lesen: “Viele Studien zeigen, dass sich Menschen bei andauernder Arbeitslosigkeit mehr und mehr vom Arbeitsmarkt entfernen. Dies betrifft nicht nur ihre Kenntnisse und Fertigkeiten. Es hat in erster Linie zu tun mit Fremd- und Selbstzuschreibungen, mit Selbstvertrauen und Selbstwert, mit Resignation und Isolation. Es geht daher um mehr als den bloßen Ausgleich von Angebot und Nachfrage am Arbeitsmarkt. Es geht darum, Menschen zu ermuntern und dabei zu unterstützen, ihren Lebensplan neu zu entwerfen und mit Zuversicht anzugehen.”

Ob Peter Hartz und seine Partner sich in den 4 Jahren Vorbereitungszeit wohl mal Gedanken darüber gemacht haben, wo die Ursache dafür zu finden ist? Hat er mal darüber nachgedacht, wie gross der Anteil der ständigen pauschalen Vorverurteilungen dazu beigetragen hat, dass sich viele Langzeitarbeitslose heute nutz- und wertlos vorkommen? Hat Peter Hartz vielleicht selber mal die Erfahrung gemacht, wie es ist, über Monate und Jahre hinweg immer wieder nur Absagen auf Bewerbungen zu erhalten? Wie es ist, wenn man im täglichen Kampf ums Überleben und das tägliche Brot mit unsinnigen Vorschriften und Schikanen der Agenturen konfrontiert wird und teilweise willkürlich den Launen der Agenturmitarbeiter ausgesetzt ist? Wie es ist, wenn man am Hungertuch nagt, sich keine ordentlichen Kleider für Vorstellungsgespräche leisten kann und gleichzeitig Selbstbedienungsmentalität unterstellt bekommt, von Leuten die sich Lustreisen bezahlen lassen, die selbst die Höhe ihrer Diäten bestimmen und sich wirklich selbst bedienen?

Zwei Seiten weiter dann heisst es “Arbeitslosigkeit geht einher mit negativen Fremd- und Selbstattributionen, die zu einer „beschädigten Identität“ der Person führen können.”

Das Selbstbild entsteht bei den meisten Leuten aus dem Fremdbild. Durch die anhaltende Diffamierung als faule, unwillige und unfähige Arbeitslose gehen die Menschen irgendwann dazu über, den Mist tatsächlich selbst zu glauben. Also hört endlich auf damit, diese Leute so zu bezeichnen, dann ergibt sich der Rest fast von selbst!

“Leiblichkeit: Mein individueller Leib, meine körperliche Verfassung (Gesundheit, Vitalität, Wohlbefinden). Bei Langzeitarbeitslosen ist das Wohlbefinden meistens sehr beeinträchtigt, was Gesundheitsrisiken birgt.”

Und die Ursache dafür ist, dass die Langzeitarbeitslosen dauerhaft von einem halbwegs normalen Leben ausgeschlossen sind. Durch den geringen Satz an Geldmitteln, der ihnen zugestanden wird, sind sie gar nicht in der Lage, am normalen kulturellen und sozialen Miteinander teilzuhaben. Gesunde Ernährung ist mit Hartz IV nicht möglich, dass weiss jeder, der es selbst schon mal erleben musste.

“Soziales Netzwerk: Diese Säule bezieht sich auf den sozialen Kontext (meine Familie, meine Freunde, meine Kollegen). Sie wird durch Langzeitarbeitslosigkeit belastet.” Und die Gründe dafür sind bekannt und auch hier aufgeführt.

Seite 18
“Der „Einzelkämpfer“ hat in der Regel geringere Chancen als kooperierende Gemeinschaften, Netzwerke, in denen sich die Mitglieder wechselseitig unterstützen, Kenntnisse austauschen und von einander lernen.”

Das ist grundlegend richtig, wird aber sicherlich im Sinne des Konzeptes zur Aufrechterhaltung der gegenwärtigen Gesellschaftsstruktur und ihres Konkurrenzdenkens missbraucht. Denn durch Minipreneure “kann sich eine Gruppe und jeder Einzelne in ihr „zum Projekt machen“, um seine Selbstwirksamkeit zu stärken und gemeinschaftliche und persönliche Ziele zu erreichen.”

Die Zielsetzung ist die Person und nicht die Gemeinschaft. Es wird weiterhin der Egoismus gefördert und persönlicher Erfolg und persönliches Wohl als höchstes Gut betrachtet. Die Gemeinschaft ist gut genug dafür geeignet, Ideen zu liefern, sich selbst zu stärken, aber damit, daß eigene Minipreneure auch in Zukunft Erfolg haben, kann muss ein beständiger Nachwuchs an faulen und unfähigen Langzeitarbeitslosen geschaffen werden, die man also erst in ihrer Person komplett zerstört, um sie anschliessend als Minipreneure neu zu erziehen, neu zu erschaffen und neu zu programmieren.

Seite 19
Der evolutionstheoretische Hintergrund

“Das POLYLOG-Modell geht von der evolutionsbiologischen Tatsache aus, dass Menschen Gruppenwesen sind und über 82 000 Generationen der Menschheitsentwicklung in „Polyaden“, d.h. in Gruppenkontexten gelebt, überlebt, kooperativ gearbeitet, ständig Altes überschritten, Neues geschaffen und kulturelle Entwicklungen vorangetrieben haben.”

Auch diese Erkenntnis ist richtig, doch es wird die falsche Schlussfolgerung gezogen, nämlich das Manifestieren und Zementieren des längst überholten Gesellschaftsmodells mit Vollzeiterwerbsleben und Machthörigkeit, mit Teilhabe und Ausgrenzung. Im Zuge der industriellen Revolution sind wir vom eigentlich rechten Weg des tatsächlichen Miteinanders abgekommen. Die Ansichten und gesellschaftlichen Werte haben sich geändert, es leben nicht mehr 3 oder mehr Generationen unter einem Dach und es tragen nicht mehr alle auf ihre Art dazu bei, dass jeder alles hat. Die Seuche “aufgeblähtes Ego” und ihre hohe Ansteckungsquote sind die Quelle, aber Minipreneure stellt keinen Ausweg aus dieser Situation dar, sondern ein geschickt getarntes Mittel, genau diese falsche Struktur zu erhalten und zu festigen.

Welches Konzept möchte Peter Hartz hier nun genau umsetzen? Grob gesagt geht es um zwei Kernpunkte:

1.) Die komplette Erfassung der Arbeitslosen samt ihrer Interessen, Fertigkeiten, Fähigkeiten und psychologischen Besonderheiten.

2.) Den Aufbau einer Datenbank, in der alle möglichen Beschäftigungsmöglichkeiten gesammelt werden.

Dadurch soll eine optimale Vermittlung ermöglicht werden. Das mag auf den ersten Blick gar nicht so schlecht wirken, aber bei genauerer Betrachtung findet man die Schwächen des Systems, die über die reine Datenerfassung hinaus gehen.

In der “Kreativierungswoche” kommen “neurobiologische und psychologische Erkenntnisse” zum Einsatz. Welche das genau sind oder wie die intensiven Gruppenaktivitäten aussehen, wird an dieser Stelle nicht genannt.

Neurobiologie als solche ist ein sehr weites Feld, sie reicht von der rein formalen Biochemie über Genetik bis hin zur Psychiatrie. Die psychologische Diagnostik für ein Matching zu Berufen bzw. Beschäftigungsmöglichkeiten geht

laut Dokument weit über bisherige Ansätze hinaus. Auch hier fehlen Hinweise darauf, was genau angewandt wird oder auf welche Art und Weise in den Gehirnen der freiwilligen Versuchskaninchen hantiert wird.

Quer durch das gesamte Dokument finden sich Hinweise auf die krude Menschensicht der Akteure hinter dem Projekt, und man gewinnt einen deutlichen Eindruck davon, in welcher Welt die Schöpfer des Minipreneur leben, was ihre Ziele sind und woher sie ihre Motivation nehmen, sich mit einer gemeinnützigen GmbH als Wohltäter der Menschheit präsentieren zu wollen.

So etwa auf Seite 12:
“So betonen etwa neurobiologische Erkenntnisse die Notwendigkeit der Revitalisierung der psychischen und physischen Ressourcen, um Resignation, Passivität und Isolation zu durchbrechen. Entwicklungspsychologische Aspekte betreffen die Prozesse der Identitätsentwicklung. Sie verweisen auf die Notwendigkeit, Selbstwertverlust und „erlernte Hilflosigkeit“ zu überwinden und neue Orientierungen auf aktive Teilhabe zu gewinnen. Soziologische Einsichten beziehen sich auf die Bedeutung der Unterstützung durch soziale Netzwerke, die Strukturierung des Alltages…”

Anstatt an den Symptomen und Folgen der Arbeitslosigkeit Geld oder Ruhm verdienen zu wollen, sollten sich die Beteiligten mal ernsthafte Gedanken darüber machen, wie es überhaupt dazu kam, wer die Verantwortung dafür trägt. Sie sollten sich Gedanken darüber machen ob das Modell der Vollzeitarbeit noch zeitgemäss ist, ob Niedrigstlöhne wirklich sinnvoll sind, ob es sinnvoll ist, wenn das Volk gerade so überleben kann, während an anderer Stelle Millionen und Milliarden gescheffelt und vor der Steuer und damit der Allgemeinheit versteckt werden!

Sie sollten sich Gedanken darüber machen, wie man tatsächlich einen Weg aus der Misere beschreiten kann und sich mit alternativen Gesellschaftsformen auseinandersetzen, die wirklich etwas zum Wohle aller Menschen beitragen könnten.

“Langzeitarbeitslosen Menschen kann nur nachhaltig geholfen werden, wenn man ihre soziale Lage, ihre psychische gesundheitliche Verfassung im Zusammenhang der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Situation berücksichtigt.”

Ich meine, langzeitarbeitslosen Menschen kann nur dann nachhaltig geholfen werden, wenn sich Politik und Wirtschaft endlich ihrer Verantwortung für Mensch und Gesellschaft bewusst werden, anstatt sich ständig nur kapitalhörig zu zeigen und keine Gelegenheit auszulassen, den Eindruck zu erwecken, sie seien nichts weiter als korrupt, egoistisch und volksfern.

Oder auf Seite 20:
“Die Partner im POLYLOG entwickeln eine wechselseitige Wertschätzung. Sie nehmen einander ernst, wertschätzen sich in ihrer Verschiedenheit und vermeiden abwertende Haltungen, um ihre unterschiedlichen Fähigkeiten und Fertigkeiten, ihre unterschiedliche Expertise optimal nutzen zu können. Sie respektieren wechselseitig ihre Grenzen, ermutigen sich gleichzeitig aber zu Grenzerweiterungen, um ihre gemeinsame Kreativität zu entwickeln.

Geben und Nehmen sind dabei ausgeglichen.”

Immer wieder finden sich richtig erkannte Ursachen gepaart mit falschen Schlussfolgerungen, die keinen Wertewandel herbeiführen, sondern falsches und deplaziertes Konkurrenzdenken festigen. Was geschieht, wenn diese Minipreneure auf die Menschheit losgelassen werden?

Wenn dieses Konzept mit den richtig erkannten Grundregeln sozialen Zusammenlebens doch nur die richtigen Schlussfolgerungen ziehen würde und diese Ideale der Menschheit selbst vorleben würde anstatt ein Geschäftsmodell daraus zu entwickeln.

Das Tolle an diesen altbekannten Wahrheiten ist, dass man nicht mal jemanden dafür ans Kreuz nageln müsste. Man könnte einfach so leben und die Menschen und Meinungen achten und respektieren, anstatt über sie herzuziehen und sie als faul und nutzlos zu bezeichnen, nachdem man sie selbst und in höchstem Masse eigenverantwortlich aus der Gesellschaft ausgeschlossen hat.

“Sie fragen systematisch nach den „Ursachen hinter den Ursachen“ und „nach den Folgen auf die Folgen“ – um Langzeit- und Nachhaltigkeitsperspektiven zu gewinnen.”

Und warum wird uns dann Tag für Tag kurzfristigste Gewinnmaximierung vorgelebt, warum gilt heute immer mehr das Recht des Stärkeren, ein Irrweg,den wir zumindest schon mal teilweise verlassen hatten, als wir von Höhlen in Strohhütten umgezogen sind? Warum wird mit diesem Konzept weitere Ausbeutung gefördert, anstatt die logischen Schlussfolgerungen zu ziehen und sich für einen gesamtgesellschaftlichen Wertewandel einzusetzen?

Wenn man nicht aufgibt und sich Seite für Seite vorarbeitet, findet man ab Seite 31 folgendes:

“Die Berücksichtigung von Interessen einer Person stellt Zufriedenheit und geringe Fluktuation in den vermittelten Berufen sicher.”

Dies wird noch untermauert durch “die Fokussierung auf psychologische Merkmale in der Berufswahl” und bezieht sich nicht “ausschliesslich auf die Berufsbiografie einer Person”. Mehrfach ist hier die Rede von “Vermittlung”, und auch der erste Arbeitsmarkt kommt ins Spiel. Das hat dann jedoch nichts mehr mit selbstständigen Minipreneuren zu tun. Und welchem Schlosser, der gut mit alten Leuten kann, würde auch nur die Chance gegeben, sich in der Altenpflege zu beweisen?

“Projektpartner für die Entwicklung, Anpassung und Bereitstellung der psychologischen Diagnoseverfahren ist Prof. Dr. Heinz Schuler (Universität Hohenheim, Stuttgart) mit der von ihm geleiteten S&F Personalpsychologie Managementberatung GmbH und deren Tochtergesellschaft HR Diagnostics AG.” Aha, da kommen wir der Sache näher. Neues Geld für die genannten Unternehmen.

Auf Seite 34 und folgenden wird nun ein Auswahlverfahren beschrieben, wer überhaupt für die letzte Stufe, die Talentdiagnose, in Frage kommt, und es steht nur noch die Vermittlung im Vordergrund. Keine Rede mehr von Selbstständigkeit oder Minipreneuren. Das Ganze erscheint wie eine riesige Mogelpackung, die nur dazu dient, unterbezahlte Coaches, Minipreneure, zu generieren, die für Herrn Schulers Firmen Geld beischaffen (denn dessen ausgefeilte Algorithmen kommen zum Einsatz, sind geschützt und haben einen geschützten Namen).

HR Diagnostics stellt die webbasierte Recruitingplattform zur Verfügung.

“Qualitätsstandard und Datenschutz – Die Talent- und Eignungsdiagnostik wird von eigens darauf spezialisierten Partnerunternehmen durchgeführt.” Die selbstständigen Minipreneure sind nicht das Ziel des Projekts, sie sind ein Mittel zum Zweck, werden das aber nach erfolgter Hinrwäsche vermutlich nicht mehr wahrnehmen, sondern tatsächlich im festen Glauben handeln, dass sie etwas Gutes tun.

Auf Seite 47 schliesslich kommt das Konzeptpapier auf den Punkt:
“Wer einem langzeitarbeitslosen Menschen nachhaltig helfen will, muss zu allererst in der Lage sein, sein Vertrauen zu gewinnen. Gerade wenn es darum geht, ihn zu ermutigen, die Initiative zu ergreifen…” “Gestützt auf entsprechende wissenschaftliche Beratung geht das Konzept MINIPRENEURE davon aus, dass arbeitslose Menschen am besten von Personen erreicht, ermutigt, eingeladen und inspiriert werden können, die selbst arbeitslos waren. Diese wichtige Funktion übernehmen die A-TRAINER, ehemalige Arbeitslose, die im Wege des MINIPRENEUR-Projektes zu qualifizierten und zertifizierten Personalcoaches ausgebildet werden.”

“Die Aufgabe der A-TRAINER ist von zentraler Bedeutung. Sie motivieren und ermutigen Langzeitarbeitslose nicht nur, am MINIPRENEUR-Projekt teilzunehmen, sondern bleiben während der gesamten Projektdauer und darüber hinaus direkte Ansprechpartner für die von ihnen betreuten Minipreneure.

Schwerpunkte der Tätigkeit der A-TRAINER sind: – Mitarbeit bei der Auswahl der Langzeit-Arbeitslosen für eine Teilnahme im Weiterbildungsprozess zum Minipreneur – Betreuung der Teilnehmer im gesamten Prozess – Ansprechpartner für lokale Minipreneur-Organisationen – Mitarbeit bei der Pflege und Aktualisierung des Beschäftigungsradars”

Auf diese Weise soll ein „Schneeballeffekt“ der Rekrutierung von A-TRAINERN erzeugt und eine sich selbst erweiternde und ausdehnende Bewegung zur Gründung von weiteren A-TRAINER-Gruppen in Gang gesetzt werden. Ziel ist es, eine flächendeckende und nachhaltige Betreuung der MINIPRENEURE im Social Franchising-System sicherzustellen.

Geholfen werden soll hier aber keinem einzigen Langzeitarbeitslosen. Geholfen wird wird hierbei nur den beteiligten Personen, Firmen und Unternehmungen im Hintergrund. Sie werden eine Menge Geld daran verdienen und werden sich in aller Öffentlichkeit als Gutmenschen präsentieren, die stets nur zum Wohle der Gemeinschaft und zum Wohle ihrer Mitmenschen agieren.

Verlogener kann man schon sein, muss man aber nicht.

Es geht also um gesellschaftliches Ansehen und es geht um Geld.

Das Ansehen bekommt man von Leuten, die die Wahrheit nicht kennen. Bleibt noch die Frage zu klären, woher das Geld kommt, denn die Arbeitslosen haben sicherlich keines, was sie in ein solches fast schon scientologyartiges Projekt investieren würden. Die Antwort darauf findet sich auf den Seiten 8, 10 und 49ff:

“Durch die Regelungspraxis des Einstiegsgeldes (§ 29 SGB II) kann dieses Förderinstrument als finanzielle Brücke aus dem ALG II-Bezug in die Selbständigkeit genutzt werden.” – “In der Auseinandersetzung mit dem gesellschaftlichen Problem der Langzeitarbeitslosigkeit bedarf es… Der erforderlichen finanziellen Ressourcen, die in Berlin, Nürnberg und den Ländern in erforderlichem Umfang verfügbar sind und umgewidmet werden können.”

“Das Einstiegsgeld nach § 16b SGB II – Aus ALG II zum Minipreneur” Das Einstiegsgeld und die gesetzlichen Regelungen sowie die Ausführungsverordnungen dazu sowie die Empfehlung, welche Ändeurungen umgesetzt werden müssten, damit das Projekt den Betroffenen erfolgversprechend erscheinen könnte.

Die bundesweite Umsetzung soll im Rahmen eines Social Franchising Modells erfolgen und es sollen möglichst alle Arbeitslosen integriert werden.

“Franchisegeber ist die GEMEINNÜTZIGE GESELLSCHAFT MINIPRENEURE ZENTRUM, Franchisenehmer können lokale Instanzen für Arbeit und Grundsicherung nach dem SGB II, Arbeitsagenturen, Träger der Weiterbildung sowie Minipreneure nach Verlassen von ALG II sein.”

Ziel ist, das Modell auf alle erwerbsfähigen Arbeitslosen auszudehnen und auf alle Bundesländer mit der Organisationsform „Social Franchising MINIPRENEURE“ zu übertragen.

Mit anderen Worten, es werden Langzeitarbeitslose zu Kleinstunternehmern ausgebildet, die dann ähnlich einem Schneeballsystem andere Langzeitarbeitslose zu Kleinstunternehmern ausbilden, die dann wiederum Langzeitarbeitslose…Das klingt, ironisch formuliert, sehr zukunftsträchtig und zukunftssicher. Auf diese Weise würden alle dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehenden Mittel in dem Projekt gebunden. Einerseits zur Einstiegsfinanzierung in die sogenannte Selbständigkeit und danach als eine Art Einkommen, um weitere Arbeitslose zu Franchisenehmern zu machen.

Eine tiefere Erläuterung des Modells findet sich ab Seite 53.
“Ein innovatives und Erfolg versprechendes Modell zur breiten Konzeptumsetzung stellt das „Social Franchising“ dar, das die Zielsetzung eines Gemeinwohlvorhabens mit den Regeln und Instrumenten des kommerziellen Franchisings verbindet. Dabei geht es im Wesentlichen darum, erfolgreiche Methoden zur Bewältigung sozialer Aufgabenstellungen zu systematisieren, zu bündeln und anschließend im Wege der Vervielfältigungsmöglichkeiten eines Franchisesystems breit zu streuen.”

Ja, das ist richtig und wird eventuell auch funktionieren, ändert aber ebenfalls nichts daran, dass Minipreneure nichts weiter ist als eine Mogelpackung, Augenwischerei, die Sicherheit vorgaukeln will, aber ganz im Gegenteil weder gesellschaftlichen Nutzen hat noch etwas Grundlegendes an der Situation der Arbeitslosigkeit ändern wird. Haupteffekt wird eine weitere Verschiebung des Lohnniveau nach unten sein.

Wie auch in der Wirtschaft wird das Franchise-Modell stark überwacht,
und zwar von der Minpreneure Zentrum gGmbH (kurz Mp genannt). “Die Leistungen der Mp sind übergreifender Natur und dienen dazu, den Erfolg des Systems insgesamt sicherzustellen. Im Wesentlichen zeichnet die Mp im Rahmen ihrer Möglichkeiten und des zur Verfügung stehenden Budgets für folgende Aufgaben verantwortlich.

Die Mp überwacht die Leistung und den sozialen Nutzen des Systems. Dazu wird sie die mittel- und langfristigen Zielsetzungen definieren und konstant überwachen. Die Mp wird ein erprobtes Franchise-Handbuch bereitstellen. Die Mp koordiniert die Richtlinien für das Zusammenwirken der wesentlichen Akteure des Systems: Franchisegeber, Franchisenehmer, Förderer und Leistungsempfänger. Ständiger Austausch von Know How und kontinuierliche Verbesserung der angebotenen Leistungen sind sicherzustellen.

Die Mp ist für die Einführung und Überwachung eines Qualitätsmanagementsystems verantwortlich. Es müssen in diesem Zusammenhang Richtlinien und Standards erarbeitet werden. Die Mp überwacht in Zusammenarbeit mit den Akteuren ferner die Wirtschaftlichkeit des Systems. Die Mp ist im Rahmen ihrer Mittel gehalten, das nationale und internationale Umfeld zu beobachten und die Franchisenehmer über relevante Entwicklungen zu informieren. Die Mp ist für die Koordination des Marketings und der notwendigen Kommunikationsmaßnahmen verantwortlich. Die Mp überwacht das Netzwerkmanagement.

Diese Aufgaben kann die Mp entweder selbst oder durch Einschaltung qualifizierter Dritter übernehmen und durchführen.”

Letzten Endes ist hier der selbstständige A-Trainer, der Coach, der Minpreneur erster Stunde, nicht viel mehr als ein Scheinselbstständiger, der weisungsgebunden alles das umsetzt, was der Franchisegeber für richtig erachtet. Wer diese “Dritten” sind oder was sie qualifiziert, bleibt alleine der Mp überlassen.

Hier wird versucht, eine Gelddruckmaschine zu legalisieren. Hier sollen die Mittel zur aktiven Arbeitsmarktpolitik in private Taschen umgelenkt werden. Es sollen riesige Datenbanken entstehen. Das Lohnniveau soll noch weiter sinken. Es wird Zukunftssicherheit versprochen, aber das Gegenteil wird der Fall sein. Wer in diese Datenbanken aufgenommen wird, der ist auf Gedeih und Vederb ausgeliefert. Es wird jede noch so gering bezahlte Tätigkeit angenommen werden müssen. Es werden Menschen in die Selbstständigkeit entlassen, die dann genau so wenig Zukunft haben wie bisher, aber auf Gedeih und Verderb den Kräften des Marktes ausgeliefert sein werden. Für selbstständige Arbeit gibt es keine Mindestlöhne. Die Betroffenen werden sich ständig gegenseitig selbst unterbieten müssen und im Endeffekt dabei zugrunde gehen.

Ein weiterer Hinweis darauf findet sich auf Seite 39:
“Beschäftigung aus dem Volumen des Anteils der Schwarzarbeit, die aufgrund der Einkommens- und Lohnsteuersituation in legale marktfähige Erwerbstätigkeit übertragen werden kann.”

“Tätigkeit als Subunternehmer für Handwerker; ein örtliches Netzwerk dient als Pool für die angesiedelten Handwerksbetriebe, um ALG II-Empfänger als Teilzeitkräfte, Aushilfen und zum Abdecken von Spitzennachfragen im Rahmen ihres zulässigen Hinzuverdienstes zu gewinnen.”

So soll also das Lohnniveau noch weiter gedrückt werden. Selbstständige Subunternehmer sollen Spitzenzeiten abfedern und die Gemeinschaft wird weiter unterhöhlt. Es sollen keine Arbeitsplätze geschaffen werden, es soll lediglich im Rahmen der erlaubten Hinzuverdienstmöglichkeiten dafür gesorgt werden, dass möglichst viele Arbeitslose dem Handwerker zur Hand gehen, aber keinerlei Sozialabgaben fällig werden usw. Das bestehende System soll weiter ausgebaut werden, der Staat wird weiter ausbluten, die Arbeitslosen bleiben arbeitslos (bis auf ein paar Wochen im Jahr), und die Löhne der Abhängig- Beschäftigten sinken weiter. Es wird lediglich dafür gesorgt, dass kein Arbeitsfähiger dem System entschlüpft, und sichergestellt, dass die örtlichen Netzwerke auch wirklich alle Arbeitslosen in solche Kurzzeitbeschäftigungen bekommen, um sie anschliessend wieder fallen zu lassen. Wo da die Perspektive sein soll, woher da ein Betroffener Hoffnung auf Besserung der persönlichen Situation schöpfen soll, entzieht sich absolut meinem Verständnis.

Es kann nur jedem von der Teilnahme an diesem Projekt abgeraten weden. Es wird den erwerbslosen Menschen nicht helfen und es wird die Gesamtsituation nicht verbessern, es wird alles nur noch schlimmer machen. Keine Fördermittel für dieses offensichtliche Betrugsprojekt, dass darauf abzielt, den neoliberalen Gedanken der marktradikalen Evolution und Auslese zu unterstützen.

Zum Abschluss noch ein Zitat von Seite 14
“Das menschliche Gehirn passt seine Arbeitsweise, seine innere Organisation und damit auch seine Struktur an die Art und Weise an, wie und wofür es genutzt wird (nutzungsabhängige Plastizität). Ist jemand über einen längeren Zeitraum arbeitslos, so optimiert und strukturiert sich sein Hirn auf diese Situation hin. Die hierbei herausgeformten neuronalen Muster sind dann immer besser für ein Leben in Arbeitslosigkeit, aber immer schlechter für ein Leben in Berufstätigkeit geeignet.”

Und das wird auch immer so bleiben, jedenfalls solange Erwerbsarbeit das Einzige ist, was einen Menschen für die Gesellschaft “wertvoll” macht. Soziales Engagement, das Schaffen von z. B. Kunst oder Musik könnte gesellschaftlich genau so anerkannt oder sogar höher bewertet werden und vielen Menschen einen Sinn geben. Aber von guter Kunst oder Musik kann man nicht leben. Leben kann man von Fliessbandmusik, wie sie über Radio und TV in die Köpfe der Menschen implantiert und von Verwertungsgesellschaften verwertet wird. Echte Kreativität wird nicht entlohnt und kann sich deshalb auch nicht frei entfalten.

Abhilfe könnte an dieser Stelle ein bedingungsloses Grundeinkommen in angemessener Höhe schaffen. Aber das wird von den Herrschenden dieser Welt nicht gewünscht, denn die Werte der Gesellschaft würden sich deutlich in Richtung Gesellschaft und Allgemeinwohl verschieben. Sie (die Herrschenden) würden an Macht und Ansehen verlieren. Neid und Missgunst würden ihnen nicht mehr die Positionen sichern, die sie jetzt noch innehaben. Davor haben sie Angst und deshalb versuchen sie, die alten Strukturen aufrecht zu erhalten, so lange es geht. Aber der Wechsel der Paradigmen wird sich nicht aufhalten lassen. Vielleicht wird es mal wieder einen Krieg geben, der den Wechsel eine Weile verzögert, aber auf Dauer und lange Sicht betrachtet wird sich die Idee des freien Menschen nicht wirklich unterdrücken lassen. Auch nicht mit Konzepten, die auf Basis von Gehirnwäsche und Umprogrammierung demotivierte “Zombies” erschaffen,um sie anschliessend im eigenen Sinne erneut umzuprogrammieren

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2 Antworten

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  1. Sperreingang said, on 26. März 2010 at 19:23

    Ich frage mich, ob es Sinnvoll wäre das ausdrucken und dann bei der Agentur auszulegen?

    • Ramona said, on 26. März 2010 at 20:28

      Das macht nicht so den Sinn, weil meistens bei der JobCentern der Hinweis steht, dass dort nur Informationen liegen dürfen die von ihnen genehmigt wurden. Manche haben aber auch ein Ständer wo sie andere Werbung zulassen.


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